Im nächsten Winter wird eine neue Wärmequelle die neue Unternehmenszentrale von Amazon in Seattle warm halten. Anstelle eines typischen Kesselsystems verlassen sich die Büros in „The Regrade“ in erster Linie auf einen unterirdischen „Ecodistrict“, der recycelte Energie weiterleitet.

Fernwärme, also unterirdische Rohrleitungen, die Wasser oder Dampf zwischen Gebäuden zum Heizen oder Kühlen weiterleiten, ist nichts Neues. Städte wie Boston, Kopenhagen, Tokio und Paris nutzen solche Systeme, die teilweise mehr als 100 Jahre alt und oft an konventionelle Kraftwerke angeschlossen sind.

Warum ist das Energiesystem von Amazon anders?

Das Besondere an Amazons System ist, dass es Abwärme aus einem externen, nicht zu Amazon gehörenden Rechenzentrum nutzt, dem benachbarten Westin Building Exchange. Als „Carrier Hotel“, das mehr als 250 Telekommunikations- und Internetunternehmen beherbergt, hatte das 34-stöckige Westin noch überschüssige Energie zur Verfügung. Amazon stellte die Weichen, um diese Energie für seinen eigenen Campus auf der anderen Straßenseite zu nutzen.

Anstatt die Wärme von den Kühltürmen auf den Dächern in die Atmosphäre zu leiten, leitet das Westin die Überschusswärme jetzt zu einer zentralen Anlage im Doppler-Turm von Amazon. Mit etwa 18 °C ist das ankommende Wasser nicht heiß genug, um die Büros zu erwärmen. Daher wird es durch fünf Wärmerückgewinnungskühler geführt, die die Wärme auf eine kleinere Wassermenge konzentrieren und so die Temperatur auf etwa 54 °C erhöhen. Ein 1,5-Millionen-Liter-Tank bietet bei Bedarf eine geringe Wärmespeicherung und die Notwasserversorgung für das Westin.

Die Campusgebäude verfügen über Reservekesselanlagen, die an sehr kalten Tagen zusätzliche Wärme liefern. „Bislang haben wir jedoch festgestellt, dass wir die Heizkessel nur selten nutzen müssen“, sagt Mike Moriarty, Senior Engineering Manager, der den Betrieb und die Wartung des Regrade-Campus leitet. „Das hat alle überrascht.“

Das System soll letztendlich rund 0,5 Millionen Quadratmeter Bürofläche erwärmen, wenn der Bau des neuen Komplexes abgeschlossen ist. Durch die Rückgewinnung überschüssiger Energie aus dem Westin werden in den kommenden 25 Jahren rund 80 Millionen Kilowattstunden Strom eingespart – eine Menge, die dem Kohlendioxidausstoß von 30 Millionen Kilogramm Kohle entspricht.

Amazons Beitrag zu Seattles Klimaneutralitätsvorsatz

Projekte wie diese, die den Energieverbrauch senken und die Effizienz steigern, helfen der Stadt Seattle, ihr Ziel umzusetzen, bis 2050 klimaneutral zu werden. „Das Schicksal stand auf unserer Seite“, sagt Moriarty, denn die Stadt interessierte sich gerade für die Umsetzung von Energiesparprojekten, als Amazon begann, die vier brachliegenden Gebäudeblöcke in der Nähe des Westin Building neu zu gestalten.

Mir sind auch andere Immobilien bekannt, bei denen Abwärme aus einem Rechenzentrum genutzt wird, aber keine Fälle, bei denen dies in Zusammenarbeit mit mehreren Eigentümern stattfindet. Das macht dieses Projekt einzigartig.
Mike Moriarty

Kein Mitarbeiter oder Besucher eines der Büros in The Regrade ahnt, dass die Klimatisierung des Gebäudes etwas ganz Besonderes ist. Unterirdische Rohre bringen die Energie zum Doppler-Turm, während verborgene Strahlungsheizkörper die Hitze zirkulieren lassen, um die Büros angenehm temperiert zu halten. Ein zentrales Kontrollsystem hilft den Ingenieuren, den Energiefluss zu optimieren.
Das alles ist für die Gebäudenutzer unsichtbar. Aufgrund der Vorabinvestitionen für den Bau der Anlage liefert der Ecodistrict zurzeit noch keine Wärme, die im Vergleich zu einem herkömmlichen System billiger ist, so Moriarty. „Aber der Strompreis wird immer weiter steigen.“

Weitreichendes Engagement für Nachhaltigkeit

Das Engagement für Fernwärme in Seattle ist nur ein Teil von großangelegten Plänen bei Amazon, nachhaltig zu arbeiten – von der Förderung erneuerbarer Energiequellen bis zur Verbesserung von Verpackungen. Der Doppler-Turm und das angrenzende Meeting Center verfügen über begrünte Dächer, die Regenwasser filtern und Kühllasten reduzieren, und sechs der Amazon Gebäude in Seattle wurden mit der LEED-Gold-Zertifizierung für nachhaltiges Design und Architektur ausgezeichnet.

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Der Campus profitiert außerdem von einem System, das über mehrere Gebäude hinweg skaliert werden kann, anstatt einzelne Anlagen bauen und warten zu müssen. Laut Moriarty ist der Ecodistrict so effizient, dass sein Umfang um zahlreiche Quadratmeter erweitert werden konnte. Falls der Bedarf steigen sollte, könnte eine sechste Kühlanlage hinzugefügt werden.

Das Doppler-Gebäude wird voraussichtlich eine ENERGY STAR-Bewertung von 98 Punkten (von 100) im ersten Betriebsjahr erhalten – eine beeindruckende Leistung für jedes Bürogebäude, aber vor allem für eines mit Tausenden von Angestellten und mit viel Energiebedarf.

„Diese Gebäude sind lebendig“, betont Moriarty. „Hier ist viel los.“ Das Energiesystem von Amazon bedurfte der Zusammenarbeit zwischen Stadtbehörden, Entwicklungsfirmen, Architekten und Ingenieuren – ganz zu schweigen von Westin und Amazon selbst. Skeptiker glaubten nicht, dass die Idee funktionieren würde, gibt Moriarty zu. „Aber wir haben bewiesen, dass wir es schaffen“, sagt er. „Und über die nächsten Jahre werden wir das System noch effizienter machen.“