Stellen Sie sich vor, Sie finanzieren den Bau eines Hauses. Sie bezahlen den Architekten, zahlen jede Rechnung, übernehmen das ganze Risiko. Und wenn das Haus dann steht, kommt das Gesetz ins Spiel und gibt die Schlüssel jemand anderem.
Genau das ist der Widerspruch im Kern des MedienInvestVG, des Gesetzentwurfs, der den deutschen Film eigentlich stärken soll. Er will einen stärkeren Produktionsstandort Deutschland aufbauen – und würde ihm doch genau damit schaden. Er gibt das fertige Werk denen, die keinerlei Risiko in der Entstehung übernommen haben. Und er tut das gegen den Willen genau des Publikums, dem er dienen will – und das ihn im Verhältnis zwei zu eins ablehnt. Dabei kann der Gesetzentwurf nicht einmal sicherstellen, dass wirklich in Deutschland produziert wird – das Haus könnte am Ende ganz woanders entstehen.
Kein Wunder, dass einer der angesehensten Verfassungsrechtler des Landes die Pläne geprüft und für ungeeignet befunden hat. Gute Absichten machen eben noch kein gutes Gesetz.

Wir sind die, die bauen

Wir wissen bei Amazon, was es heißt zu bauen – weil wir es in Deutschland seit Jahren tun. Amazon gehört zu den größten Investoren im Land. Erst kürzlich hat Amazon angekündigt, 2027 mehr als 16 Milliarden Euro in Deutschland zu investieren – zusätzlich zu über 100 Milliarden Euro seit 2010. Prime Video gehört dazu, mit vielen neuen deutschen Produktionen für 2027 – neben Erfolgstiteln wie Maxton Hall und LOL: Last One Laughing, die in neue Staffeln gehen.
Das ist für Amazon nichts Neues. Amazon hat Prime Video 2014 in Deutschland gestartet, zwei Jahre vor dem weltweiten Start, und 2017 als erster Streamingdienst ein deutsches Original produziert – You Are Wanted mit Matthias Schweighöfer. Seitdem haben die deutschen Titel von Prime Video ein Publikum in aller Welt gefunden. Prime Video investiert in deutsche Geschichten, weil das Publikum sie sehen will – und ist bereit, mehr zu schaffen.
Für uns spricht also nichts gegen das Investieren an sich. Uns geht es darum, wie dieses Gesetz aufgesetzt ist. Keine europäische Vorgabe hat Deutschland zu diesem Weg gezwungen. Es ist eine politische Entscheidung. Und so, wie der Gesetzentwurf jetzt vorliegt, geht er an drei Punkten in die falsche Richtung.

Warum das Gesetz scheitert

Im Kern verlangt das Gesetz von Streamingdiensten, mindestens 8 % ihrer in Deutschland erzielten Umsätze in europäische Produktionen zu stecken. Nicht die Zahl allein ist das Problem, sondern alles, was drumherum gebaut wird.

1) Das Gesetz nimmt dem die Schlüssel, der das Haus bezahlt hat.


Normalerweise hält der Streamingdienst, der eine Produktion in Auftrag gibt und finanziert, die Rechte daran – im Kino, im Fernsehen, im Streaming und darüber hinaus. Er trägt das ganze finanzielle Risiko und bleibt auf dem Verlust sitzen, wenn ein Titel floppt – während der Produzent, also die Firma, die man mit dem Bau beauftragt hat, in jedem Fall bezahlt wird. Dieses Gesetz ändert das. Nach wenigen Jahren sollen die Rechte – also gewissermaßen die Schlüssel zum Haus – stattdessen an den Produzenten gehen.
Der Haken steckt im Wie. In Deutschland wird der Großteil an Film- und Serienproduktionen durch öffentliche Förderung mitfinanziert – das ist branchenüblicher Standard. Das Gesetz rechnet diese öffentlichen Fördermittel wie einen Eigenbeitrag des Produzenten an. Je höher dieser angerechnete Anteil ausfällt, desto früher fallen die Rechte an den Produzenten zurück. Da die öffentliche Förderung regelmäßig branchenweit einen nicht unwesentlichen Teil der Produktionskosten abdeckt, kann der Dienst seine exklusiven Rechte in vielen Fällen bereits nach sieben Jahren verlieren. Wer das Haus bezahlt und das Risiko getragen hat, muss die Schlüssel also dem übergeben, der beides nicht getan hat. Das ist kein Anreiz zu investieren. Das schreckt ab.

2) Unter solchen Bedingungen baut kaum jemand ein Haus – und das Gesetz macht die Bedingungen noch schlechter.

Ändert man den Anreiz, ändert man das Verhalten. Wenn die Regeln verlangen, dass man das Geld aufbringt und das Risiko trägt, während andere die Schlüssel bekommen, ist die logische Antwort: weniger bauen, nicht mehr.
Und das Gesetz macht die Bedingungen gleich doppelt schlechter. Es schreibt nicht nur vor, wie viel man ausgeben muss, sondern auch wofür: Das Geld muss in feste Anteile aufgeteilt werden – mindestens 80 % für deutschsprachige Produktionen, mindestens 70 % für Filme unabhängiger Produzenten, mindestens 60 % für neue Werke. Zudem kommen neue Pflichten dazu: berichten, dokumentieren, prüfen lassen. Jede Regel macht es schwerer, einen guten Film zu machen – und bringt noch mehr Papierkram mit sich, um überhaupt einen zu machen. Das Ergebnis sind nicht mehr deutsche Geschichten, sondern weniger – das Gegenteil von dem, was das Gesetz will. Und für eine Regierung, die Bürokratie abbauen will, das Gegenteil von dem, was sie versprochen hat.

3) Das Gesetz kann nicht einmal dafür sorgen, dass das Haus in Deutschland gebaut wird.

Nehmen wir an, ein Dienst investiert – vollständig und pünktlich. Selbst dann verfehlt das Gesetz sein eigenes Ziel, denn es kann nicht verlangen, dass das Geld wirklich in Deutschland ausgegeben wird. Nach EU-Recht darf Deutschland nur Investitionen in europäische Werke vorschreiben, nicht Investitionen in Deutschland. Eine Serie, die in Prag, Budapest oder Madrid gedreht wird, erfüllt das Gesetz damit genauso wie eine aus Berlin – und Produktionen werden weiter dort gedreht, wo die Bedingungen am besten sind. Ein Gesetz, das den Standort Deutschland stärken soll, kann am Ende keine einzige Szene auf deutschem Boden erzwingen.
Das ist der schwerste Fehler von allen. Das Gesetz schafft trotzdem Kosten – die Rechte, die es wegnimmt, die Quoten, die es vorschreibt, der Papierkram, den es schafft. Nur, wo das Geld eigentlich landen soll, kann es nicht sicherstellen. Der deutsche Produktionsstandort trägt die Last; die Produktion, die er anziehen soll, kann irgendwo in Europa landen. Das ist das Schlechteste aus beiden Welten: reale Kosten, die hier gezahlt werden – für ein Versprechen, das das Gesetz gar nicht halten kann.

Nicht nur wir sehen das so

Natürlich ist das die Meinung von Amazon – denn Prime Video hat ein Interesse daran, wie das Ganze ausgeht. Umso wichtiger, dass zwei gewichtige Stimmen zum selben Schluss kommen: die Europäische Kommission und der Verfassungsrechtler Udo Di Fabio, der zwölf Jahre lang Richter am Bundesverfassungsgericht war und heute einen Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der Universität Bonn hat.
Beide haben den Entwurf geprüft – und beide sagen, er ginge zu weit. Wo wir ihn als unfair und wirkungslos kritisieren, gehen sie einen Schritt weiter – sie halten ihn für unverhältnismäßig und rechtswidrig. Nicht wegen der 8-%-Quote allein, sondern wegen allem, was obendrauf kommt: die festen Subquoten, der erzwungene Rechteentzug und keine Möglichkeit, Investitionen über mehrere Jahre auszugleichen.
In seinem Gutachten kommt Di Fabio zu einem klaren Ergebnis: Der gesetzlich angeordnete Rechterückfall greift unverhältnismäßig in die Eigentumsfreiheit der Anbieter ein und verstößt gegen das verfassungsrechtliche Übermaßverbot. Der Gedanke dahinter: Wer eine Produktion finanziert und das Risiko trägt, verliert seine Rechte und muss sie einem Dritten überlassen. Einen solchen Eingriff bezeichnet Di Fabio als „einer Enteignung gleichend“. Entscheidend ist für ihn, dass es mildere Wege gäbe, das Ziel zu erreichen – der Entwurf aber den härtesten wählt. Deshalb hält er das Gesetz in dieser Form für verfassungswidrig.
Die Europäische Kommission sieht es genauso. In einem Schreiben vom 6. August 2026 hat sie die Bundesregierung aufgefordert, den Entwurf grundlegend zu überarbeiten – mit der Warnung, dass alle Maßnahmen zusammen unverhältnismäßig sind.
Und es geht nicht nur ums Prinzip. Ein Gesetz, das viele für verfassungswidrig halten, wird mit ziemlicher Sicherheit durch die Branche angefochten – und das heißt jahrelange Unsicherheit für alle, die in der Zwischenzeit deutsche Produktionen planen und darin investieren wollen.

Gebt uns Regeln, auf denen man bauen kann

Das Bild ist also von allen Seiten dasselbe: Das Gesetz würde genau die Investitionen abschrecken, die es will, die Fachleute halten es für verfassungswidrig, und das Publikum will es nicht. In einer repräsentativen Umfrage unter 1.000 Menschen in Deutschland (Oktober 2026) sagten 78 %, dass das Publikum entscheiden sollte, was produziert wird – und nicht der Staat. Und sobald die Befragten erfuhren, was im Gesetz steht, lehnten sie es zu zwei Dritteln ab. Dieses Votum sollte die Politik ernst nehmen und nicht übergehen.
Amazon will in Deutschland investieren. Wir tun es schon – freiwillig und entschlossen. Am besten stoppt die Politik dieses Gesetz ganz. Kommt es aber doch, sollte zumindest das Schlimmste entschärft werden: den erzwungenen Rechteübergang grundlegend ändern (zumindest mit einer Streaming-Ausnahme, damit die Dienste die Rechte behalten, auf die ihr Geschäft angewiesen ist), öffentliche Förderung nicht länger als Eigenbeitrag des Produzenten anrechnen und die Quoten flexibel genug machen, dass sich Investitionen über mehrere Jahre ausgleichen lassen.
Prime Video wird weiter an deutschen Geschichten bauen – daran soll es nicht liegen. Es braucht nur einen Rahmen, in dem sich dieser Einsatz lohnt und nicht ausgebremst wird. Dann entsteht am Ende genau das, worum es allen geht: mehr gute Geschichten aus Deutschland.