Was bedeutet eigentlich „Bias”? Der englische Begriff beschreibt systematische Denkmuster, die es uns Menschen als gedankliche Abkürzungen leichter machen, schneller und effizienter zu denken. Eine eingebaute Systemoptimierung des Hirns, quasi. Wir tragen sie alle in uns, und zwar meist unbewusst – sogenannte „Unconscious Bias”. Die Herausforderung: Sie können unsere Urteile systematisch und einseitig beeinflussen und damit Barrieren für Vielfalt sein – auch in der Arbeitswelt. Doch wie schafft man es Leistungen am Arbeitsplatz wirklich fair zu beurteilen und bei Bewerbungsgesprächen Entscheidungen so objektiv wie möglich zu treffen? Zum diesjährigen Motto des Weltfrauentags „Break the Bias” erklärt Carolin Fröhlich, Principal Human Resources Business Partner bei Amazon, wie wir Perspektivenvielfalt fördern und den Bias-Effekten entgegenwirken können.

„Unconscious Bias sind unbewusste Filter, die unser Gehirn automatisch benutzt, um komplexe Themen einfacher zu verarbeiten. Es ist wichtig, dass man sie kennenlernt und die eigenen Bewertungen entsprechend hinterfragt“, erklärt Carolin. Das gilt auf individueller Ebene für jede:n von uns genauso wie strukturell für Unternehmen. Auch in internen Prozessen wie Recruiting oder Personalentwicklung lassen sich meist Stellen identifizieren, an denen die Inklusion im Unternehmen verbessert und die Beurteilung der Mitarbeitenden fairer werden kann.

Hier sind fünf Ansatzpunkte:

1) Bias im Bewerbungsprozess abbauen: „Einer der häufigsten Biases ist der Affinity Bias bzw. Ähnlichkeitseffekt: Wir bewerten Menschen oft besser, die uns vermeintlich ähnlich sind. Im Bewerbungsprozess wirken wir dem beispielsweise entgegen, indem nicht eine einzelne Person über die Einstellung eines/r neuen Kolleg:in entscheidet, sondern eine gemischte Runde – der „Interview Loop“. Alle unsere Interviewer:innen erhalten Basistrainings wie ‚Inclusive Hiring‘. Sie schärfen das Bewusstsein für solche Denkmuster. Außerdem sind sogenannte ‚Bar Raiser‘ Teil des Loop. Bar Raiser sind fachfremd, lange bei Amazon und werden gezielt darin geschult, auf das Potenzial von Bewerber:innen zu schauen und Perspektiven zu hinterfragen. Der Gedanke dahinter: Im Team in den Dialog gehen, Fehleinschätzungen aufdecken, diskutieren und mit so vielen Fakten wie möglich eine Entscheidung fällen.“

2) Karriereentwicklung fair gestalten: „Was der Bar Raiser beim Recruiting ist, ist der ‚Bias Buster‘ in der Bewertung bestehender Mitarbeiter:innen. Der Bias Buster hat eine wichtige Funktion in der jährlichen Entwicklungsplanung für Mitarbeiter:innen. Und der Schlüssel liegt auch hier im Gespräch: Wenn Führungspersonen die individuelle Personalentwicklung von Teammitgliedern diskutieren, achtet ein Bias Buster besonders darauf, dass alle auf Basis ähnlicher Fakten und somit möglichst fair bewertet werden. Bias Buster trainieren möglicherweise verzerrte Wahrnehmungen zu bemerken und die Diskussion durch Fragen in eine objektivere Richtung zu lenken. Denn letztendlich sollen alle die Möglichkeit haben, den eigenen Karriereweg ganz individuell gestalten zu können. Unsere Vision ist, dass irgendwann jede:r im Unternehmen diese Rolle des Bias Busters automatisch einnimmt – das braucht Schulung.“

Portrait von Carolin Fröhlich. Sie hat lange braune Haare, trägt eine weiße, ärmellose Bluse mit Muster und lächelt in die Kamera.
Carolin Fröhlich, Principal Human Resources Business Partner bei Amazon

“Ich freue mich sehr, dass unsere Bias Busters so gut ankommen. Es gibt viele Freiwillige und Leader, die mitmachen wollen und tolle Ideen haben das Konzept weiter zu optimieren.
Carolin Fröhlich, Principal Human Resources Business Partner bei Amazon

3) Trainings für alle fördern: „Abseits von Bewerbung und Karriereentwicklung, thematisieren wir das Thema intern und bieten diverse Trainings an, um Biases im Arbeitsalltag abzubauen. Vieles entwickelt sich auch aus unabhängigen, internen Gruppen wie unseren Affinity Groups. Ein gutes Beispiel ist das Format ‚50 ways to fight unconscious bias‘. Wir merken, dass der Wille besteht, nicht nur über das Thema Bias zu lernen, sondern sich aktiv mit anderen dazu auszutauschen. So wachsen die Trainingsangebote immer weiter und leben von dem Wunsch, sich gemeinsam weiterzuentwickeln, sich mit unterschiedlichen Perspektiven zu ergänzen und auszugleichen.“

4) Eine inklusive Meetingkultur schaffen: „Wir glauben daran, dass wir die besten Entscheidungen im Sinne der Kund:innen treffen, wenn wir verschiedene Stimmen und Meinungen hören. Das Programm ‚Amazon Amplify‘ ist ein hilfreiches und wichtiges Training, das wir mit dem Ziel entwickelt haben, eine inklusivere Atmosphäre in unseren Meetings zu schaffen. Hier geht es viel um Verhalten: Wie kann ich dafür sorgen, dass jede:r zu Wort kommt? Wie kann ich mich selbst bestärken und einbringen, was mir wichtig ist? Wir bieten verschiedene Module dieses Programms an, unter anderem auch gezielt für Manager:innen.“

5) Technologie nutzen und ‚Bias Interrupter‘ automatisieren: „Neben den bisher genannten Maßnahmen, die Jobeinstieg und Karriereentwicklung Hand in Hand optimieren sollen, kann uns auch die Technik weiterhelfen. Mein Tipp: Gerade große Unternehmen können automatische Technologien nutzen, um Biases in den eigenen Prozessen zu unterbrechen. Zum Beispiel können Systeme Führungspersonen automatisch darauf hinweisen, an bestimmten Zeitpunkten über den nächsten Karriereschritt einer Kollegin oder eines Kollegen nachzudenken und konkrete Kriterien zu reflektieren, die für die Entscheidung zu einer Beförderung sprechen.“

Auch Stereotypen und der Gender Bias gehören zur Gruppe der Unconscious Biases. Amazon unterstützt Organisationen und Initiativen, die sich dafür einsetzen, überholte Traditionsmuster aufzubrechen und Menschen zu befähigen, ihren Weg zu gehen. In Kooperation mit dem Digital Female Leader Award helfen wir beispielsweise, erfolgreiche Frauen und ihre Projekte sichtbar zu machen. Und gemeinsam mit BayFid sowie in eigenen Initiativen wie AFE – Amazon Future Engineer oder AWS GetIT engagieren wir uns für die Nachwuchsförderung im Technologiesektor.